• 15. - 18.03.2022
  • Messezentrum Salzburg

Elektromobilität: Wie Sicherheit doch noch sexy wird

Sicherheit bei Elektrofahrzeugen ist wichtig, hängt doch unser Leben davon ab. Aber so richtig spannend ist das Thema dennoch nicht. Das niederösterreichische Unternehmen Evalus ist da anderer Meinung. Wie Sicherheit bei E-Autos doch noch sexy wird.

© Peter Seipel / ÖWV 
Einst war es seine persönliche Leidenschaft, jetzt ist er einer der gefragtesten Spezialisten auf diesem Gebiet: Deniz Kartal, Geschäftsführer von Evalus

 

Als im Film „Zurück in die Zukunft“ die Funken sprühen und der DeLorean DMC-12 abhebt, haben sich Doc Brown und Marty McFly keine Gedanken über die Sicherheit gemacht. Das Thema ist ja auch nicht sehr sexy. Mit Normen und Regeln wollte man sich schon 1955 nicht auseinandersetzen. Sollte man aber für die Zukunft, wenn es um E-Autos geht. Warum? Weil Ihr Leben davon abhängt. Wir haben mit Deniz Kartal, Geschäftsführer von Evalus, darüber gesprochen.

Reed Exhibitions: Herr Kartal, Evalus steht für Evaluierung und Sicherheit. Welche Rolle spielt da die E-Mobilität?

Deniz Kartal: Die Gefahrenevaluierung ist Voraussetzung, um überhaupt Maßnahmen treffen zu können. Evalus wurde 2014 gegründet. Ziel war die Bereitstellung von Sicherheitsfachkräften und Schulungen in diesem Bereich. E-Mobilität war zu diesem Zeitpunkt aber noch kein Thema. Meine Laufbahn habe ich als Prüf- und Messtechniker in der Versuchsanstalt Elektrotechnik begonnen. 2010 habe ich die Sicherheitsfachkraft-Ausbildung abgeschlossen und beim TÜV Süd als Niederlassungs- und Ausbildungsleiter angefangen. Neben dem Aufbau der Elektrotechnikabteilung habe ich auch die erste Elektromobilitätsschulung in Österreich organisiert. 

Ist E-Mobilität demnach Ihre persönliche Leidenschaft?

Kartal: Ja, einerseits persönliche Leidenschaft und andererseits Pionierinstinkt. Als Präventivfachkraft ist es unsere Aufgabe Gefahrensituationen, die sich für Arbeitnehmer ergeben könnten, frühzeitig zu erkennen und Maßnahmen dagegen zu treffen. Eine der Maßnahmen ist die Aus- und Weiterbildung von Arbeitnehmern, die Sensibilisierung sozusagen. Aus diesem Grund haben wir ein Schulungskonzept für das sichere Arbeiten an Elektrofahrzeugen erstellt. Dieses Konzept haben wir anderen Ausbildungsstätten zur Verfügung gestellt, z.B. dem BFI Wien oder WIFI Wien, aber auch im Burgenland oder in Kärnten, der Automotive Akademie und auch der Birner Akademie.

Evalus plant den „EV-Safety Day“ bei der „AutoZum 2021“ zu veranstalten. Braucht es das?

Kartal: 2014 habe ich den ersten „Stammtisch Elektromobilität“ veranstaltet. Die Vorgabe des Nationalen Umsetzungsplans Elektromobilität von 2012 schreibt vor, Bildungseinrichtungen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen stärker miteinander zu vernetzen. 2016 waren es bereits 90 Teilnehmer. Zu dieser Zeit gab es bereits viele „Stammtische“ zu diesem Thema. 2018 haben wir daraufhin den ersten „EV-Safety Day“ mit 200 Teilnehmern organisiert. 

Somit haben Sie ein neues Format geschaffen?

Kartal: Genau, eigentlich geht es bei unseren Vorträgen um Sicherheit, Technik und wir bieten auch eine wiederkehrende Ausbildungsmöglichkeit. Beispielsweise Arbeiten unter Spannung. Diese Personen müssen jedes Jahr von ihrem Arbeitgeber beauftragt werden, um ein weiteres Jahr diese Tätigkeit durchführen zu können. 

Hier gibt es bestimmt eine gesetzliche Vorgabe…

Kartal: … die dem Arbeitgeber vorschreibt, dass der Mitarbeiter einen praktischen Nachweis vorbringen muss, dass er unter Spannung gearbeitet hat, oder eben eine Weiterbildung besucht hat. 

Arbeiten wir nicht alle unter Spannung?

Kartal: Nein, das kommt uns oftmals nur so vor. Ein Werkstatttechniker macht die Schulung, weil er sich für die Inhalte interessiert. Aber im Aftersales-Bereich kommt es noch nicht so häufig vor, dass ein Batteriemodultausch durchgeführt wird. 

© shutterstock
Wir stehen unter Spannung. Ganz besonders ein EV (Electric Vehicle) beim Ladevorgang.

 

Weil noch zu wenige E-Autos in Österreich zugelassen sind?

Kartal: Ja, die Garantiezeiten sind noch nicht ausgeschöpft. Die freien Werkstätten haben daher momentan noch keine oder kaum Berührungspunkte mit E-Fahrzeugen. 

Was wird 2021 der Schwerpunkt des „EV-Safety Days“ sein? Setzen Sie thematische Schwerpunkte?

Kartal: Es gibt viele interessante und wichtige Themen zur Elektromobilität. Darunter auch Neuerungen in den Richtlinien oder gar neue Richtlinien. 

Können Sie ein Beispiel für eine solche Richtlinie nennen?

Kartal: 2016 wurde die ÖVE-Richtlinie R19 (Sicheres Arbeiten an Fahrzeugen mit Hochvolt-Systemen) präsentiert. Diese hat jedoch nur das Arbeiten an eigensicheren Fahrzeugen geregelt. 

INFO

Was ist unter „eigensichere“ und „nicht-eigensichere“ Fahrzeuge zu verstehen?

Ein eigensicheres Fahrzeug muss drei Anforderungen erfüllen:

  1. Wenn man das Auto mit dem Zündschlüssel abstellt, muss die Batterie abschalten und, falls Kondensatoren verbaut sind, müssen sich diese automatisch entladen.
  2. Es dürfen keine Schraubverbindungen innerhalb des Fahrzeuges vorhanden sein. Das bedeutet, der Motor ist angesteckt an die Batterie, etc. Nichts ist verschraubt.
  3. Das System muss sich selbstständig abschalten, sobald eine Abdeckung wie beispielsweise die Motorhaube geöffnet wird.

Die Begriffe stammen aus deutschen Richtlinien, genauer gesagt aus der DGUV 200-005. Und eben jene besagt, dass PKW den „eigensicheren Fahrzeugen“ und LKW bzw. Nutzfahrzeuge den „nicht-eigensicheren Fahrzeugen“ zugeordnet werden. Zu beachten ist, dass diese nur Fahrzeuge mit Hochvolt-Systemen umfasst. Die Begriffe kommen nur in der Ausbildung vor. 

Aber ein E-Auto, wie ein Tesla Model S oder auch andere, hat verschraubte Leitungen. Oder der Hyundai ix35 Brennstoffzellen-Fahrzeug hat kein Hochvolt-Interlock unter dem Verteiler verbaut…

Kartal: Genau, und demnach wird es den „nicht-eigensicheren Fahrzeugen“ zugeordnet. Daher dürfte ein Mechaniker, der gemäß ÖVE Richtlinie R19 ausgebildet wurde, nicht daran arbeiten. 

Gibt es eine Revision der ÖVE-Richtlinie R19?

Kartal: Ich schätze, dass wir diese im Rahmen der nächsten „EV Safety Days“ 2021 bereits vorstellen können. Diese planen wir bei der AutoZum abzuhalten.

Wird es ein Kombiticket mit der AutoZum geben?

Kartal: Ja, und wir gehen somit auch Richtung Westösterreich und können einem erweiterten Teilnehmerkreis die Möglichkeit bieten, sich auf diesem Gebiet weiterzubilden. Die ersten 100 Teilnehmer mit unserer Eval-Karte erhalten ein kostenloses Ticket. Danach gibt es vergünstigte Tickets für EVAL-Kartenbesitzer. 

Wie bekommt man die Eval-Karte?

Kartal: Die Eval-Karte erhalte ich im Zuge einer entsprechenden Ausbildung bei Evalus oder einem Partner-Schulungsinstitut. Wir wollen ein Qualitätsmerkmal und einen Standard schaffen.

Wer sollte die Ausbildung machen? Wie ist das Hochvolt-Seminar aufgebaut?

Kartal: Die Ausbildung richtet sich nicht an Privatpersonen. Sie richtet sich an ArbeitnehmerInnen die an Elektro- oder Hybridfahrzeugen mit Hochvoltsystemen arbeiten. Es gibt in Österreich drei Ausbildungsstufen:

  1. Nicht-elektrotechnische Tätigkeiten (Karosseriebautechniker, Scheibentausch, Reifenwechsel)
  2. Techniker, die das Fahrzeug deaktivieren und spannungsfrei schalten
  3. Techniker, die unter Spannung arbeiten (z.B. innerhalb der Batterie)

International wird es zukünftig auch noch Level 4 und Level 5 geben. 

Und diese umfassen?

Kartal: Auf Level 4 wird der Spezialist des Fahrzeugherstellers geschult. Dieser darf auch an beschädigten bzw. kritischen Batterien arbeiten. 

© AutoBild
Die Feuerwehr versenkt einen BMW i8 in einem Container mit Löschwasser. 

 

Betrifft das dann auch Mitarbeiter der Feuerwehr?

Kartal: Die Feuerwehrmitarbeiter dürfen die Batterie grundsätzlich nicht angreifen. Die Feuerwehr darf natürlich eingreifen, wenn es brennt. Das Fahrzeug wird 72 Stunden in einen mit Wasser gefüllten Container gesteckt. Das ist momentan das übliche Prozedere. Erst dann kommt der Techniker mit der Ausbildungsstufe 4 zum Einsatz. 

Level 5 ist dann der Trainer der untergeordneten Ausbildungsstufen?

Kartal: Genau. Wir möchten eine Train-the-trainer Ausbildung anbieten. 

Wird also zukünftig nicht mehr unter der Motorhaube geschraubt, sondern direkt im Akku? Sieht so die Zukunft der Mechaniker aus?

Kartal: Ja, das zeichnet sich ganz klar ab. Beim Tesla Model 3 ist außerhalb der Batterie, der Elektromotor, der Klimakompressor und das Heizgerät zu finden. Alles andere ist bereits innerhalb des Akkus verbaut. Der Mechaniker der Zukunft arbeitet unter der Rücksitzbank. 

© shutterstock
Die Zukunft des Mechanikers wird energiegeladen.

 

Das bedeutet aber auch, dass sich die Mechaniker der Zukunft mit der ÖVE R19 befassen müssen?

Kartal: Genau, und dafür bieten wir unsere Ausbildung an. Das Zeitalter des „Herumschraubens“ ist vorbei, hier muss man nun am Ball bleiben. 

Wird diese Ausbildung zukünftig bereits in die Lehrausbildung integriert?

Kartal: Ja, bei der Gesellenprüfung wird Level 2 erforderlich sein. Bei der Meisterprüfung wird man dann Level 3 absolvieren müssen. 

Gibt es weitere Normen zu diesem Thema?

Kartal: Ja, die ÖVE R30 für das Betreiben von elektrischen bzw. konduktiven Ladestationen. Die ÖVE R16 Laden unter Spannung ist auch noch interessant, denn darin ist eigentlich das Arbeiten innerhalb der Batterie geregelt. 

Warum Ihr Leben davon abhängen kann?

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Danke für das Gespräch. Das Gespräch führte Jasmin Ladinig, Content Manager Reed Exhibitions Österreich.